Vorgeschichte:
Das Ärzte-Ehepaar, Dr. Gertraud und Dr. Thomas Weggemann aus Bludenz wurden durch viele Sozialprojekte für bedürftige Menschen im Ausland bekannt. Beide waren Mitbegründer des Rehabilitations- und Erholungszentrums für Kinder und Jugendliche am Issyk-Kul See in Kirgistan. Dieser See ist der zweitgrößte Gebirgssee der Erde und liegt auf 1607 m.
Der Kinderarzt Dr. Weggemann wurde vom Jesuitenpater Herwig Büchele erstmals nach Dschalalabat in Kirgistan gerufen, um dort Kinder mit erhöhtem Förderbedarf zu betreuen.
Hierbei entstand die Idee, die zu betreuenden und insbesondere beeinträchtigte Kinder auf einem Pferd zu behandeln.
Kirgistan ein Pferdeland! Er bat die Physio- und Hippotherapeutin Ursula Dietz ihn auf seiner Reise zu begleiten und die Hippotherapie dort einzuführen.
2010 reisten Ursula Dietz und Heidi Praxmarer von Österreich mit nach Dschalalabat, um bei diesem Projekt mitzuwirken.
Es wurden Kurse für Eltern, Ärzte und dem Pflegepersonal gehalten und viele therapeutische Hilfsmittel organisiert, ebenso ein Reitplatz und ein Pferd. Bruder Damian Wojciechowki JS, auch ein begeisterter Pferdefreund, hatte die beiden Therapeutinnen bei ihrer Arbeit sehr unterstützt. Der damals gegründete Elternverein „Kinderzukunft“ ist heute noch aktiv, ebenso die Hippotherapie.
Zentralasien: Eingebettet zwischen Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan und China befindet sich Kirgistan. Die Urgeschichte beschreibt Wanderbewegungen von turksprachigen Kirgisen bis zur Mongolen- und Dschugarenzeit. Mehr als ein Jahrhundert lang herrschten das russische Imperium und die Sowjetunion über das heutige Kirgistan, bis das Land 1991 seine Unabhängigkeit erlangte.
In dem muslimisch geprägten Land gibt es nur wenige Katholiken. Die Christen in diesem Land gehören zum größten Teil der russisch-orthodoxen Kirche an. Große Teile der Bevölkerung leben in Armut.
Pater Remigiusz Kalski JS, der Direktor des Kinderzentrums am Issyk- Kul- See, schrieb eine Anfrage an das Österreichische Kuratorium für Therapeutisches Reiten. Mit der Bitte, um freiwilligen Arbeit in der Hippotherapie in Kirgistan.
Schnell entschlossen diese Herausforderung anzunehmen, jedoch gut vorbereitet, machten sich meine Kollegin, Petra Rechberger-Trauner und ich auf die Reise. Wir sind im Sommer 2024 von Wien mit dem Flugzeug nach Istanbul und von dort aus weiter nach Bischkek geflogen.
Die therapeutischen Sommercamps finden jährlich von Anfang Juni bis Ende August statt. Parallel dazu werden auch Astronomie-Camps für Schulkassen und Jugendcamps mit religiösem Inhalt abgehalten. Eine weitere österreichische und zwei polnische Hippotherapeutinnen betreuten die Kinder, ebenso wie wir, je drei Wochen in diesem Zeitraum.
Angekommen in Bischkek wurden wir vom Direktor persönlich abgeholt und durften die ersten zwei Nächte in einer Unterkunft nahe der Kathedrale St. Michael in Bischkek übernachten.
Unterkunft und Verpflegung waren für uns frei. Wir brachten einiges an typisch österreichischen Süßigkeiten als Gastgeschenk mit. Auch in fernen Ländern wird gern genascht.
Nahe Bischkek der Hauptstadt von Kirgistan erstreckt sich das Nationalparkgebiet Ala Artcha.
Petra und ich sind nicht nur Pferde, sondern generell Naturliebhaberinnen. So machten wir uns gleich noch vor unserer Freiwilligenarbeit auf in die Berge, um das Land kennenzulernen und fühlten uns in der wunderschönen Landschaft wie daheim in Österreich. Wir lernten auf unserer Wanderung sehr sympathische einheimische Studenten und ein indisches Urlaubspaar kennen, die uns ein Stück des Weges begleiteten.
Am nächsten Tag ging es früh los zum Issyk-Kul-See. Das bedeutete sechs Stunden Autofahrt auf neu asphaltieren Straßen und teils auf holprigen Sandpisten.
Angekommen im „Kinderzentrum“ wurden wir von Susanne, einer Grazer Religionslehrerin, hier als freiwillige Mitarbeiterin tätig, sehr freundlich empfangen. Sie zeigte uns unser Zimmer und erklärte uns den Hausbrauch. Susanne nahm uns alle Unsicherheit, in dem sie sagte: „Ihr dürft alles!“ Was auch tatsächlich so gemeint war. Wir organisierten und halfen mit, wo wir gebraucht wurden.
Da wir schon sehr neugierig waren besuchten wir sehr bald unser anvertrautes Therapiepferd. Sultan, ein sehr liebenswerter, junger, schwarz-weißer Scheckhengst. Es wurde für die Zeit der Sommercamps ein sehr schöner und pferdegerechter Offenstall errichtet, gleich hinter dem Kinderzentrum mit Blick auf den See. Die andere Zeit des Jahres verbringt er bei der Familie des Hauswächters in den Bergen. Es gab drei Pferdeführer vor Ort, die ebenso Sultan betreuten oder bei der Hippotherapie führten. Therapiepad,-gurt, Sättel, Helme, sonstiges Pflege-, Therapie- und Arbeitszubehör wurden bereitgestellt. Zudem war ein Aufstiegspodest vor Ort.
Petra und ich machten es uns zur täglichen Aufgabe den Offenstall und das Pferd zu pflegen, Sultan für die Therapie vorzubereiten und wechselten uns als Therapeutin und Pferdeführerin ab. Das war für uns eine interessante Erfahrung mit einem sehr jungen Pferd zu arbeiten.
Unter Hippotherapie versteht man eine spezielle physiotherapeutische Maßnahme, die das Pferd und dessen dreidimensionale Rückenbewegung unter medizinischen Gesichtspunkten einsetzt. Ziel ist es mit dem Pferd zu schwingen und eine harmonische Einheit zu bilden. Durch das Gefühl des „getragen werden“ entsteht Sicherheit in den Bewegungsabläufen, eine bessere Aufrichtung, ein besseres Gleichgewicht mehr Dynamik und Geschmeidigkeit.
Für Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung, und/oder Mehrfachbehinderung, mit ADHS, ebenso mit Diagnosen aus dem Bereich Autismus Spektrum, oder bei Chromosomenanomalie ist die Hippotherapie eine wertvolle Ergänzung zu anderen Therapieformen. Durch den Einsatz des Pferdes konnten die Kinder viele neue Bewegungserfahrungen sammeln. Hippotherapie wirkt ganzheitlich auf körperlicher, geistiger, emotionaler und sozialer Ebene.
Im Viertelstundentakt wechselten die Therapiekinder, dabei entstanden viele berührende Fotos und Videos. Die Mädchen und Buben, sowie deren Mütter, zogen hierfür ihre schönsten Kleider oder T- Shirts an, auch die Sonnenbrille durfte nicht fehlen. Die anfänglichen Ängste mancher, die zum ersten Mal am Pferd saßen, waren bald verschwunden. Es konnten kleine und große Fortschritte erzielt werden und einige Erlebnisse bleiben sicher bei allen in Erinnerung. Das ist das Schöne an dieser Arbeit. Wir alle haben Sultan ins Herz geschlossen, er gab sein Bestes.
Eine weitere Herausforderung war die sprachliche Barriere. Wir lernten einige russisch und kirgisische Vokabeln, kommunizierten mit Mimik und Gestik und anderen Körpersignalen, zum Glück auch manchmal auf Englisch. Wir waren sehr froh, dass es uns gut gelang mit dem Pferd für die Kindern eine angenehme und klare Therapiesituation zu schaffen. Es machte richtig Spaß. Gemeinsam mit den Therapiekindern, ihren Geschwistern und Müttern erstellten wir einen Therapiezeitplan mit den Namen der Therapiekinder in „Lautsprache“, zumal wir die kirgisischen Schriftzeichen nicht entziffern konnten.
Nach den Therapieeinheiten ging es für alle meist auf zum Baden. Der Issyk-Kul-See hat einen leichten Salzgehalt und ist vier Mal so groß wie der Bodensee. Das Gebirge mit den schneebedeckten Gipfeln ringsherum bietet eine unglaublich schöne Kulisse. In der freien Zeit genossen wir das Barfußspazieren im warmen Sand, die Abkühlung im See und das Meditieren bei traumhaften Sonnenuntergängen. Um richtig Schwimmen zu können, musste man weit hinein gehen, da der See vom Ufer weg sehr lange sehr flach ist. Die Badegäste hatten große, dicke aufblasbare Plastikschwimmreifen, da die wenigsten gut schwimmen konnten. Es ergab ein buntes Bild und alle hatten sichtlich und hörbar Freude daran zu plantschen.
Es war wunderschön und tief berührend im Rhythmus mit dem Pferd dem sandigen Ufer des Sees entlang zu gehen und in die Weite der malerischen Kulisse zu blicken. Angefangen vom See bis in die hohen, an der Spitze schneebedeckten Berge und den sich ständig veränderten Wolkenbildern. Oft kamen uns auf unsere Therapiestrecke ein paar Kühe entgegen, die sich überall, auch am Strand frei bewegen dürfen.
Simba und Lucky, die Hunde des Hauses begleiteten uns manchmal ein Stück und leisteten uns Gesellschaft. Hunde werden in Kirgistan weder kastriert noch kennen sie eine Leine. Zwei zugelaufene Hundewelpen und ein kleines Kätzchen wurden von der Familie, die das „Kinderzentrum“ verwaltet aufgenommen. Die süßen Babys wurden natürlich gleich von allen ins Herzen geschlossen. Und Simba, einer zwei der Rüden, kümmerte sich um die Erziehung seiner frisch zugezogenen Artgenossen. Zu unserem Erstaunen machte er das großartig.
Der Speiseplan: Zum Frühstück gab es für alle Reis, oder Getreidebrei, dazu Weißbrot, Butter, Honig und Marmelade. Mittags meist Eintopf mit Nudeln, Reis oder Kartoffeln, Salat und Melonen. Abends war es ebenso. Das Essen war bekömmlich und gut verträglich, es wurde dreimal täglich frisch gekocht. Selbst zu kochen stand uns frei, was wir ab und zu in Anspruch nahmen. Ein besonderes Highlight waren die sonnengereiften, herrlich süßen Marillen, frisch vom Baum. Dutzende Marillenbäume umringten das Zentrum!
Abendgestaltung: Wir tanzten mit den muslimischen Frauen zu traditionell kirgisischer Musik, oder spielten mit den Kindern Tischtennis oder Federball, oder saßen einfach nur gemeinsam und genossen die Zeit.
An den Wochenenden und an den noch verbliebenen Tagen, nach Abschluss unserer Freiwilligenarbeit, nutzten wir die Möglichkeit für Ein- und Mehrtagesausflüge. Von Bishkek aus in den Hochgebirgs- Nationalpark Ala Artscha, von Kochkor zum Son- Kul- See auf 3016m, und von Karakol in das Tal von Altyn Arashan „das goldene Heilbad“ mit den berühmten heißen Quellen, am Fuße des Tien-Shan auch Himmelsgebirge genannt. Wir genossen die Wanderungen zu Fuß und teils mit geländegängigen und besonders trittsicheren Wanderreitpferden. Die Nächte verbrachten wir auf den Almen in beheizbaren Jurten und zu den Mahlzeiten saßen wir oft mit den Gastgebern und anderen Wanderern gemeinsam am reich gedeckten Tisch.
Zum Ausgangspunkt unserer Wanderungen wurden wir einige Male von MitarbeiterInnen des Kinderzentrums gebracht, jedoch nutzten wir auch die gängigen Transportmittel, die Marschrutkas (Linientaxis) oder bevorzugt die Taxis über die Taxi App Yandex Go, was prima funktionierte.
Zurück in Bischkek verbrachten wir unsere letzte Nacht in einer Unterkunft der Caritas. Hier werden in besonderen Notsituationen bedürftige Mütter mit ihren Kindern aufgenommen und betreut. Ein Jesuitenbruder aus der Stadt Osch brachte uns an unserem Abreisetag wieder zum Flughafen, wo es nach über vier Wochen in der Ferne wieder heimwärts ging. Wir sind dankbar für all das Erlebte. Es war eine beeindruckende Zeit in Kirgistan.
Das Rehabilitations- und Erholungszentrum für Kinder und Jugendliche der Jesuiten ist zur Erhaltung und Weiterführung auf Spendengelder und freiwillige Helfer angewiesen.
Verfasserin:
Judith Putschögl, Physio- und Hippotherapeutin
E-Mail: judith.putschoegl@gmx.at